Die Ballade von Mulan aus dem 6. Jahrhundert beginnt mit: "Ein Seufzen ist zu hören, dann wieder eines / Mulan sitzt beim Eingang am Webstuhl." Die Familie des Mädchens sind Untertanen des Khans der Tuoba, eines nomadischen Turk- oder Mongolenvolks, das die nördliche Wei-Dynastie Chinas gründete. Ihr alter Vater wurde zum Kampf in der Armee des Khans verpflichtet. Mulan beschließt, sich anstelle ihres Vaters rekrutieren zu lassen, und kämpft tapfer in der Armee, ohne dass ihre Kameraden je herausfinden, dass sie eigentlich eine Frau ist.
So geht die Geschichte, zumindest laut dem alten Gedicht. Aber die Legende von kindlicher Frömmigkeit, Pflichtbewusstsein und Tapferkeit hat viele spätere Geschichtenerzähler inspiriert. Die Sui Tang-Sage siedelt die Geschichte in der Sui-Dynastie an, etwa zur Zeit der Niederschrift der Ballade und während einer Kriegsperiode. Hier gibt es eine Reihe neuer Elemente in der Geschichte. Mulan ist immer noch eine Untertanin des Turk-Khans, aber wird vom Rebellen Dou Jiande gefangen genommen, wo sie sich schnell mit Dous Tochter anfreundet. Später bieten die beiden Frauen ihr eigenes Leben an, als Dou wegen Auflehnung gegen den chinesischen Kaiser vor Gericht steht. Der Kaiser ist derart beeindruckt von ihrer Loyalität, dass er anbietet, Mulans Familie auf fruchtbares Ackerland umzusiedeln. Als Mulan jedoch nach Hause kommt, stellt sie fest, dass ihr Vater schon lange tot ist und ihre Mutter wieder geheiratet hat. In dieser Version begeht Mulan tragischerweise Selbstmord.
Mulan war vermutlich keine historische Gestalt, aber ihr Ruhm basiert nicht auf ihrer Historizität. Mit ihrer Hingabe für ihren Vater und dem Willen, ihr eigenes Leben für seines zu riskieren, verkörpert sie die chinesische Tugend des Xiào - der kindlichen Frömmigkeit –, Respekt und Ehrung der Eltern und Ahnen, sowie Tapferkeit auf dem Schlachtfeld.