Im Chaos der lateinamerikanischen Unabhängigkeitskriege gab es umkämpfte Visionen für die Zukunft, die gelegentlich auch ausgelöscht wurden: Welche neuen Staaten würden entstehen? Wie sollten sie regiert werden? Was sollte aus den Menschen verschiedener Abstammung in diesen Staaten werden? Manuel Piar verkörperte etwas von dieser utopischen Hoffnung sowie von ihrer Zerbrechlichkeit.
Piar war ein Morisco, ein Wort, das in den spanischen Kolonien bedeutete, dass seine Mutter europäisch-afrikanischer Abstammung war. Das hatte zur Folge, dass er von seinen Criollo-Kameraden (die vorwiegend europäischer, insbesondere spanischer Abstammung waren) ein gewisses Maß an Diskriminierung erfuhr. Dies wirkte sich gewiss auf seine Motivation im Kampf und letztendlich auf sein Schicksal aus.
Piar kämpfte gegen viele verschiedene koloniale Regime, beginnend mit der Vertreibung der Briten aus Curaçao. Anschließend kämpfte er in der Haitianischen Revolution, eine der ersten wahren Revolutionen gegen die Sklaverei in der neuen Welt. Nach Haiti schloss sich Piar mit Bolívar dem Kampf um die Unabhängigkeit von Lateinmaerika an, ging dabei jedoch viel weiter - gemeinsam mit Santiago Mariño unternahm er einen Versuch, Guyana zu befreien (und vermutlich zu erobern).
Piars vorrangige Motivation, die möglicherweise auf seinen persönlichen Erfahrungen oder seiner Zeit unter den haitianischen Rebellen beruht, war der Wunsch nach Gleichberechtigung für die Mestizo-Bevölkerung - jene Bewohner Lateinamerikas, die nicht rein europäischer Abstammung waren. Seine Hetze gegen das Bolívar-Regime nach Erlangen der Unabhängigkeit kostete ihn seinen Titel und er floh zurück nach Guyana. Dort tat er sich mit Marino, José Félix Ribas und anderen Generälen zusammen, die mit der Entwicklung von Bolívars Lateinamerika unzufrieden waren. Diese Rebellion sollte ihn - und nur ihn - sein Leben kosten. Bolívar befahl, ihn zu verhaften und anschließend hinzurichten. In einem Ausdruck von Bedauern - es könnte auch nur eine Erzählung sein - soll Bolívar gesagt haben: "Ich habe mein Blut vergossen", als er von Piars Tod erfuhr.